Russische Kapelle ist von Zerstörung bedroht
Undichtes Dach, feuchte Wände – Für Sanierung fehlt das Geld

ÄUSSERLICH scheint die Russische Kapelle auf der Mathildenhöhe noch gut in Schuss. Doch wer genau hinsieht, entdeckt Risse im Mauerwerk und abgeplatzte Kacheln. Ein Gutachten veranschlagt rund 800000 Mark für die Sanierung. Geld, das weder Kirchengemeinde noch die Eigentümerin, die „Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland“, haben. (Fotos: joc)

(bif). Wenn Zar Nikolaus II und die Alix aus Darmstadt, spätere Zarin Alexandra, das sehen könnten. Schwarz präsentiert sich der einst strahlend weiße Sandstein, an einem Fries auf der Rückseite ist eine bunt emaillierte Kachel abgefallen, und zwischen Glockentürmchen und Gemeinderaum verhindert ein Riss im Mauerwerk, dass Glocken geläutet werden. An ihrer russischen Kapelle, von 1897 bis 1899 für 400000 Mark aus dem zaristischen Privatvermögen auf importierter russischer Erde vom Petersburger Baumeister Louis Benois erbaut, nagt der Zahn der Zeit.

Aber das ist nicht alles: Seit vor über sieben Jahren ein Sturm das Dach ein Stück abgehoben hat, dringt Wasser in das erste auf der Mathildenhöhe errichtete Gebäude, das eines der Wahrzeichen der Stadt ist und die Verbindungen zwischen dem einstigen russischen Herrscherhaus und Darmstadt dokumentiert.

Innen sind die Schäden offensichtlich. Die Wände sind feucht, das satte Dunkelblau der Wandmalereien wird stockig und fleckig oder ist bereits zerstört, das Blattgold blättert, und auch in der Zentralkuppel hat das Wasser wüste Spuren hinterlassen. Nur das große, geheimnisvoll leuchtende Mosaik im Altarraum hat noch nichts abgekriegt. „Gott sei Dank“, sagt Pater Ioann.

 

Auf 800000 Mark veranschlagt ein Architektengutachten von 1998 den Sanierungsbedarf des in den siebziger Jahren renovierten Gebäudes – wobei die Schäden an den Wänden nicht mit drin seien, wie Kantorin Natalia Kalougina erklärt. Geld, das weder die fünfzig bis sechzig Mitglieder der kleinen russisch-orthodoxen Gemeinde in Darmstadt noch die Eigentümerin des Wahrzeichens, die „Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland“ mit Sitz in München aufbringen können. Priester Ioann Grintschuk arbeitet hauptamtlich bei Merck und betreut ehrenamtlich sogar zwei Gemeinden: die in Darmstadt und eine in Kassel.

„Wer soll das bezahlen?“, fragt sich Danilo Andic, Küster und seit vielen Jahren ein integraler Bestandteil der Gemeinde. „Das Dach ist kaputt, und jetzt ist so viel Feuchtigkeit hier drin, dass faustgroße Brocken herunterfallen.“ Besonders schlimm ist es in einem Seitenraum des Altarraums, wo sich die Priester umziehen.

Am Wochenende feiern die orthodoxen Christen ihr Patronatsfest zu Ehren der heiligen Maria Magdalena. Dann kommt der Weihbischof aus Stuttgart. Und die Stadt, die derzeit so schön die Mathildenhöhe sanieren lässt, ist in Gestalt des Oberbürgermeisters auch eingeladen.

„Es heißt ja die Krone von Darmstadt“, sagt Danilo Andic. „Es ist traurig, dass man nur zugucken kann, wie ein Gotteshaus so verfällt.“ Würde er noch leben, hätte Zar Nikolaus gewiss noch einmal seine Privatschatulle aufgemacht.


Copyright “Darmstädter Echo” 31.7.2001  

 

Russische Kapelle auf der Mathildenhöhe