Ein Krieg nach dem Krieg

Die Ruhrbesetzung 1923 und die rheinischen Rebellen:
Eine Tagung in Essen

Als man in Essen im Juni 1922 das Folkwang-Museum erwarb, da galt die Sammlung als zukunftsweisende Investition. Nur eine Gegenstimme wandte dagegen: Theodor Reismann-Grone sprach von einer „Entgleisung" und forderte, deutsche Künstler zu unterstützen. Aber für sie sei kein Geld da, „wohl aber für Manet, Monet, Cezanne, Gauguin". Ein gutes halbes Jahr später wäre der chauvinistische Kunstfreund, der es 1933 zum ersten nationalsozialistischen Bürgermeister der Stadt brachte, nicht mehr allein gewesen.

Denn am 11. Januar 1923 drangen mehr als neunzigtausend französische und belgische Soldaten ins Ruhrgebiet ein, um die im Versailler Vertrag festgelegten Reparationen und Sachlieferungen einzutreiben. Anlaß war ein geringfügiger Zahlungsrückstand. Die Regierung des Reichskanzlers Cuno reagierte umgehend: In einem Aufruf „An das deutsche Volk" wurde der „Gewaltstreich" angeprangert, die untrennbare Einheit von Volk und Staat beschworen, zur Besonnenheit und zwei Tage später zum passiven Widerstand aufgerufen.

Die Franzosen antworteten mit weiteren Sanktionen: Über das „friedensbesetzte" Gebiet wurde der Belagerungszustand verhängt, die Ausfuhr von Kohle ins unbesetzte Deutschland verboten, das Revier durch eine Zollgrenze abgetrennt, renitente Eisenbahner, Beamte, Industrielle und Arbeiter bestraft, ausgewiesen und verhaftet. Die Gewalt kulminierte am 31. März im Essener „Blutsamstag", als französische Soldaten in einer Wagenhalle von Krupp Beschlagnahmungen durchführen sollten und dreizehn Betriebsangehörige tödlich verletzten, sowie am 26. Mai in der Hinrichtung von Albert Leo Schlageter, der mit einem Sabotagetrupp eine Eisenbahnbrücke bei Düsseldorf-Kalkum gesprengt hatte. Die Produktions- und Steuerausfälle belasteten die Staatsfinanzen und beschleunigten den Fall der Währung ins Bodenlose. Anfang Juni kostete ein Dollar 7500, im August 1,1 Millionen, zum Jahresende 4,4 Milliarden Mark. Als Gustav Stresemann am 26. September 1923 (Cuno war am 13. August zurückgetreten) den passiven Widerstand abbrach, aber keine Zugeständnisse erreichte, gab es keinen Sieger.

Die Ruhrbesetzung ist heute weder in Deutschland noch in Frankreich ein großes Thema. Vielleicht auch, weil die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern nicht danach sind. Andererseits ist die Zeit reif für einen gelassenen Umgang, wie ihn die Tagung „Die Ruhrbesetzung 1923" prägte, die die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und das Ruhrlandmuseum in Essen veranstalteten. Die Historiographie hat, so legte Christoph Cornelißen (Düsseldorf) dar, nach einer breitgefächerten Pamphletistik bis 1929 zur Ruhrbesetzung 2300 (deutsche) Titel hervorgebracht, um sich nach 1945 im Osten planmäßig-einseitig daran abzuarbeiten und im Westen das Thema lange zu meiden. Dagegen hielten sich die Literaten vor Ort, wie Gertrude Cepl-Kaufmann (Düsseldorf) ausführte, eher zurück: Schillers „Wilhelm Tell" wurde von den Bühnen der Region als Symbol einer nationalen Erhebung gedeutet, Arnolt Bronnens „Rheinische Rebellen" reüssierten dagegen nur im fernen Berlin, und Hanns Johsts Polit-Drama „Schlageter" fand bis zum Ende der Weimarer Republik keine Uraufführung.

In den gesicherten Stand der Aufarbeitung brachte Gerd Krumeich (Düsseldorf), einer der Initiatoren der Tagung, gleich zu ihrem Beginn soviel Bewegung, daß er dem Konflikt eine neue Perspektive eröffnete. Er sieht die Ruhrbesetzung nicht einfach als handfesten Vorstoß von Franzosen und Belgiern für materielle Güter, sondern als symbolische Aktion, um sich für die im Ersten Weltkrieg erlittene Besetzung zu revanchieren: als „Krieg nach dem Krieg". Denn, so Krumeich, „immer wieder kommen in den französisch-belgischen Anordnungen, Begründungen für Maßnahmen, Antworten auf die Flut von Protesten der Deutschen Elemente dieser Erinnerung und dieser sachlichen Verknüpfung zwischen der deutschen Kriegsbesatzung und der französisch-belgischen Friedensbesetzung zum Vorschein". Daraus erkläre sich auch die Asymmetrie zwischen beiden Seiten: „Den Deutschen fiel es leicht, die Brutalität der Besetzer anzuklagen. Sie hatten nie die eigene Brutalität erlebt."

Georges-Henri Soutou (Paris) vermutete, daß Poincare über die endgültige Regelung der Reparationsfrage und eine Verbesserung der französischen Sicherheit das Ziel einer Autonomie für die rheinischwestfälischen Gebiete verfolgte, und stellte einen erhellenden Zusammenhang zum Hitler-Putsch vom 9. November her: Die Unterstützung von Separatisten führe, so habe sich gezeigt, keineswegs zur Auflösung des Reichs, sondern zur Stärkung von Nationalisten und Frankreichgegnern. Laurence van Ypersele (Brüssel) machte es als Interesse der belgischen Politik aus, eine schnelle Rentabilität der Besetzung mit dem Ausbremsen der langfristig angelegten Pläne Frankreichs zu verbinden. Stanislas Jeannesson (Paris) ging dem Zusammenhang von Propaganda und Gewalt nach, und Hans Mommsen (Feldafing) stellte die Ruhrbesetzung in ihrer Doppelfunktion heraus: Als Katalysator habe sie strukturelle Probleme der Republik aufgedeckt, als Ventil die hypertrophen Erwartungen, den Krieg mit ökonomischen Mittel fortsetzen zu können, mit einer entgegenstehenden Realität konfrontiert.

Erst ganz zum Schluß wurde die europäische Rolle des Reviers, die in dem Konflikt bereits angelegt war, bis in die Gegenwart verfolgt. Daß sie im Bewußtsein der Bevölkerung wenig präsent ist, erklärte Wilfried Loth (Essen) damit, daß das Ruhrgebiet nicht zu einer eigenständigen Organisationsform gefunden hat und die Initialzündung der Montanunion ihre volle europapolitische Wirkung erst entfaltete, als die Bedeutung der Schwerindustrie abnahm. Auf einmal erhielt das Thema eine aktuelle Wendung: „Die Verarbeitung der Krisenbewältigung könnte die Ruhr zu einem europäischen Erinnerungsort werden lassen." In diesem letzten Satz steckt das Programm einer neuen Tagung. Auch die Impressionistensammlang von Karl Ernst Osthaus hätte darin ihren Platz.

ANDREAS ROSSMANN

Ruhrbesetzung