„Das langsame Entstehen hat auch sein Gutes“
Die Moschee an der Mainzer Straße wächst in Raten – Brunnenhalle für rituelle Waschungen

 

(FvR). Für alle, denen Lessings Ringparabel etwas bedeutet, ist es ein gutes und beruhigendes Zeichen, dass neben den christlichen Kirchen und der Synagoge in Darmstadt am westlichen Stadtrand eine Moschee entsteht. Vor fünf Jahren wurde der Grundstein für das Gebets- und Gemeindehaus des türkisch-islamischen Kulturvereins in der Mainzer Straße 146 gelegt, und seit dieser Zeit kann man auf der interessanten Baustelle verfolgen, wie religiöses Selbstbewusstsein und kulturelle Integration entstehen.

Die knapp dreihundert Mitglieder des türkisch-islamischen Kulturvereins, den es seit 27 Jahren in Darmstadt gibt, haben mit beispiellosem Einsatz, großer Geduld und beeindruckender Energie für ihr Zentrum gekämpft und in seine Realisierung investiert. Mit den ersten 300 000 Mark Spendengeldern haben sie angefangen und im Lauf von fünf Jahren eine 3-Millionen-Bausumme aufgebracht.

Seit gut einem Jahr ist das Geld verbaut, aber die Moschee noch nicht fertig. Das erste der beiden Minarette ist vollendet und strahlt in makellosem Weiß, um das zweite steht noch ein Gerüst. Für den Innenausbau und die Gestaltung der Außenanlage fehlen zurzeit die Mittel, ebenso für die Möblierung, für Lampen und die Ausgestaltung des Gebetsraums.

Stolz führt der derzeitige Vorsitzende des Vereins, Mustafa Çaglar, durch die Unterrichts räume, durch den Rohbau des zukünftigen großen Jugendraums und durch die Gästewohnungen im Obergeschoss. „Natürlich wäre es schön, wenn schon alles fertig wäre“, sagt Ismail Kahraman, Delegierter der Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine, „aber das langsame Entstehen hat auch sein Gutes, denn da steht nicht plötzlich ein großes Ding da und alle fragen sich, woher denn so etwas kommen kann. Hier bei uns kann man erkennen, dass wir ein kleiner, unabhängiger und ehrgeiziger Verein sind, der aus eigener Kraft ein Zentrum baut . . . und das geht eben langsam und mühevoll.“

Beispielhaft für die Pläne der weiteren Ausgestaltung ist die Brunnenhalle für die moslemischen rituellen Waschungen im Untergeschoss. Ein stiller Raum aus weißem Marmor und rosa-grauem Granit mit einem mehrstöckigen zentralen Brunnen lädt die Gläubigen ein, ihren Körper und ihre Seele symbolisch vom Schmutz des Alltags zu reinigen. „Den Marmor haben wir gestiftet bekommen“, sagt Lütfi Öztürk, Mitbegründer des Vereins und einer der ältesten Aktiven, „den hätten wir uns nicht leisten können“.

In der neuen „Emir-Sultan-Moschee“, benannt nach dem großen, mittelalterlichen Islamgelehrten und Philosophen, gibt es nicht nur Gebets- und Unterrichtsräume, sondern auch einen kleinen Basar, eine Bibliothek und ein Restaurant, denn die hier versammelten türkischen Muslime haben sehr früh erkannt, welche sozialen Aufgaben sie haben. Schon an ihrem früheren Versammlungsort, in der Hinterhofmoschee Bleichstraße 51, spielte die Jugendarbeit eine besondere Rolle. „Unseren in Deutschland geborenen Jugendlichen eine Heimat zu geben, ist nicht einfach. Von den ungefähr 2000 Muslims, die zu unserem Einzugsgebiet gehören, sind knapp die Hälfte Deutsche türkischer Abstammung, also eine Gruppe, die es mit ihrer kulturellen Identität nicht leicht hat“, bemerkt Osman Aytekin, Mitglied im Moschee-Bau-Ausschuss, und Ismail Kahraman ergänzt, dass hier in der neuen Moschee vorbildliche Arbeit geleistet werde, was den Islam-Unterricht in deutscher Sprache betreffe.

Sprachkurse, Hausaufgabenhilfe, Basar, Bibliothek, Vereinslokal, Frauengruppen, Kindergarten, Jugendklub und informelle Teestunden gehören zum sozialen Angebot des Kulturzentrums, von dem nur ein knappes Drittel Moschee im engeren Sinne ist. Auch nicht-türkische Muslime sind häufig zu Gast, afghanische, bosnische, arabische Moslems treffen sich in der Mainzer Straße ebenso wie Mitglieder der Islamischen Religionsgemeinschaften in Hessen, und Aktive des Islamisch-Christlichen Arbeitskreises.

„Wir pflegen den Dialog nicht nur, weil wir gute Moslems und gute Menschen sind, sondern weil es das Vernünftigste ist, was man tun kann, wenn Verschiedenes beieinander wohnt“, sagt Ismail Kahraman, der mit dem Darmstädter Religionspädagogen Rüdiger Grundmann den Islamisch-Christlichen Arbeitskreis leitet. In der vergangenen Woche ist in diesem Arbeitskreis eine Förderinitiative für den Moschee-Bau gegründet worden, die sich um die weitere Finanzierung bemüht.

Der Türkisch-Islamische Kulturverein will seine alte Bleibe in der Bleichstraße 51 verkaufen und den Erlös in die Arbeit an der Moschee stecken. Er möchte viele Gäste bewirten, um das religiöse Leben in einer Moschee und das gesellige Leben türkischer Muslime bekannt zu machen und er ruft demnächst zu einer zweiten Spendenaktion auf, um das Gebets- und Gemeindehaus fertig auszubauen.

 


Copyright “Darmstädter Echo” 31.7.2001

 

 

Moschee für Darmstadt