Darmstadt hat eine neue Attraktion: Das Hundertwasser Haus. Der Österreichische Architekt und Naturschützer Friedrich Hundertwasser (ein Pseudonym) erhielt von der städt. Baugesellschaft den Auftrag auf dem ehemaligen Schlachthofgelände ein attraktives Wohngebäude zu errichten.

Nachstehend ein Bericht des ZDF. Das Ergebnis der Bemühungen sehen Sie auf den nachfolgenden Bildseiten.

BauPanne:

Die Darmstädter und die "Darmstädterei"

Seit Monaten schon wehren sich brave Bürger im südhessischen Darmstadt gegen die "Waldspirale", ein Wohn-Bauwerk des Wiener Künstlers Friedensreich Hundertwasser. Ihr Mittel: die "Darmstädterei", selbstgegebener Titel für nachhaltiges Verzögern und Zerreden von Neuem, Unbekannten, Erfrischendem. Und eine erfrischende architektonische Attraktion hätte die mit - aus heutiger Sicht - nur minder hübschen Bauten der Nachkriegszeit versehene Stadt Darmstadt bitter nötig, insbesondere in der Gegend des alten Schlachthofes.

Dies erkannt, kamen die Mitglieder des städtischen Bauvereins, in persona dessen Vorsitzender Wolfgang Rösch, Anfang letzten Jahres auf die Idee, die häßliche Brache am Schlachthof, und zwar an derem hintersten (im wahrsten Sinne des Wortes) Ende, mit etwas Besonderem aufzuwerten. Als nächstes stand für Herrn Rösch vom Bauverein eine Reise nach Wien an, mit Erfolg:

Der mittlerweile in die Jahre gekommene Friedensreich Hundertwasser, umstrittenes "Öko- Enfant Terrible" unter Architekten, stimmte zu, sein letztes "Hundertwasser-Haus" in Darmstadt errichten zu lassen. Geplant sind mehr als hundert Eigentumswohnungen in zwölf Stockwerken eines typisch-rund-bunten Gebäudes mit abschließendem Zwiebeltürmchen, der "Waldspirale". Soweit so gut, wären da nicht die Darmstädter mit ihrer "Darmstädterei": "In der benachbarten Anlage wohnen Behinderte", war zu vernehmen, "wie kann man denen denn einen solchen Anblick zumuten?"

"Diese Eigentumswohnungen sind zu teuer", war als weiteres Argument zu hören. Dabei hatte sich an den Zahlen der von Anfang an als Mischfinanzierung zwischen öffentlichen und privaten Geldgebern geplanten Bebauung nicht geändert, auch hatten sich schnell private Interessenten gemeldet, aber: nun sollte der Architekt Hundertwasser heißen.

Beispiele gebauten Wa(o)hnsinns/II

Fritz Stowasser, alias Friedensreich Hundertwasser, der von Fachkollegen und Presse hier und da inzwischen als "Behübscher" kritisiert wird, weil er - fatal- sich erlaubt hatte, in Österreich das Äußere einer Müllverbrennungsanlage zu gestalten. Und so etwas von einem, dessen Karriere 1958 mit einem "Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur begann" und dem es, trotz aller Kritik der Architektengilden, gelungen war, mit provozierenden und farbenfrohen, wildbetürmten und schiefwinkligen Gebäuden für zahlreiche populäre Gegenentwürfe zum allgemeinen Dogma von Stahlsichtbeton, Eternit und Satellitenstädten zu sorgen. Um es kurz zu machen: Hundertwasser hat die Gunst der Medien verloren - ein Schelm wer dabei denkt, das könne einen Einfluß auf die Abneigung der Darmstädter gehabt haben.

Diese konterten nämlich weiter: "Sehen denn nicht alle Hundertwasser-Häuser irgendwie gleich aus?" warfen sie ins Feld. Sie, die sie bei sich Zuhause doch sicher das ein oder andere, unverkennbar echte WMF-Besteck, vielleicht auch einen echten regionalen "Alten Meister" ihr eigen nennen (vom Umstand, daß in Darmstadt ja nur ein einziges Hundertwasser-Haus entstehen soll und damit die Gefahr ästhetischer Langeweile auch von daher nicht droht, ganz zu schweigen).

Kritik kam noch von anderer, ästhetisch besorgter Seite: da die hessische Bauordnung die für Hundertwasser typischen welligen Böden und unterschiedlichen Treppenstufen nicht zulasse, sei die geplante "Waldspirale" eben kein "echter" Hundertwasser, meinte z.B. ein um die wahre Kunst besorgter Architekt aus den Reihen der CDU.

Die Reihe der kleineren und größeren Dispute um den Bau einer wohlfinanzierten architektonischen Attraktion auf einer häßlichen Industriebrache, kurz "Darmstädterei", ließe sich noch eine Weile fortsetzen.

Nun, Ende 1998, jedoch nimmt es mit der BauPanne hoffentlich doch noch ein gutes Ende: Im über ein Jahr dauernden Konflikt um die Darmstädter "Waldspirale" ist Mitte November ein vorläufiges Schlußwort gefallen: Nachdem das Stadtparlament vor einigen Monaten mehrheitlich beschloß, die für das Hundertwasserhaus notwendigen Änderungen des Bebauungsplans vorzunehmen (hauptsächlich um die geplanten 12 Stockwerke zu ermöglichen), wurde nun der Grundstein gelegt. Aus den Fenstern der umliegenden Häuser erschallte dazu die Titelmelodie von "Spiel mir das Lied vom Tod". Die "Darmstädterei" geht weiter.

© ZDF, zuletzt geändert am: Di., den 13. Juli 1999

Hundertwassser Haus