Der nachstehende Artikel erschien in der Berliner Morgenpost


Sonntag, 25. Januar 2004

Ein Blitz aus Friedenau erhellte die ewige Nacht

Schon einmal kam eine fotografische Weltsensation aus Berlin, und der Vergleich mit der Mars-Kamera liegt durchaus nahe. In beiden Fällen erblickte der Mensch zum ersten Mal, was ihm über die Jahrtausende verborgen gewesen war.

Carl Georg Schillings entstammte einer im 19. Jahrhundert im Rheinland bekannten Jägerfamilie und oblag einer Leidenschaft, die viele Zeitgenossen teilten: der Großwildjagd. Wer in Deutsch-Ostafrika oder in Britisch-Indien den Löwen oder das Nashorn zur Strecke gebracht hatte, durfte daheim in Europas Salons der Bewunderung der Damen und des Neides der Herren sicher sein. Schillings' Pioniertat war es, die Flinte gegen die Kamera zu tauschen. Im Prinzip jedenfalls, denn selbstredend ging damals auch ein Fotograf bewaffnet in die Wildnis und auch nebenbei auf die Jagd.

Schillings unternahm zwischen 1896 und 1903 vier afrikanische Reisen ins Gebiet des heutigen Kenia. Das waren gewaltige Expeditionszüge mit schwerer Ausrüstung und Hunderten schwarzer Träger. In seinem 1905 in Leipzig erschienenen Buch "Mit Blitzlicht und Büchse" berichtet er: "Meine Aufnahmen zerfallen in die gewöhnlichen, mittels lichtstärkster Anastigmate verschiedener Brennweiten hergestellten Tagesaufnahmen, in Teleaufnahmen und in mittels künstlichen Blitzlichtes erzielte Nachtaufnahmen."

Letztere waren seine Poiniertat und Sensation. Seine Zeitgenossen müssen sie mit dem gleichen Erstaunen betrachtet haben wie wir heute die gestochen scharfen Marsbilder der Kamera aus Adlershof. Niemand vor ihm hatte in die Nacht des afrikanischen Dschungels geleuchtet. Keines Menschen Auge hatte je gesehen, was der Löwe tut in jener unergründlichen Welt. In der ewigen Nacht der Geister und wilden Tiere, deren unheimlichen Tönen der Mensch in seinen Behausungen angstvoll horcht, wenn die Dunkelheit kommt.

Auf seine vierte Afrikareise nahm Schillings einen Blitz mit, was man sich als eine enorm schweißtreibende Schlepperei denken muss, er war ein schweres Trumm. Schillings ließ einen Stier an einen Baum außerhalb des Lagers binden, baute seine Apparate auf und erwartete die Nacht. Bald brüllte das Tier in Todesnot. Und dann brüllte das blendend helle Licht. Seine erste Kamera schoss ihr Bild und dann seine zweite.

Auf den belichteten Bildplatten, die er heim brachte, sind zwei Szenen zu sehen: der Löwe, wie er den armen Stier beschleicht. Wie er anspringt. Und dann, wie er, getroffen vom Schrecken des jähen Lichts, seinen Sprung geschmeidig verwandelnd, aus dem Bild hinaus grätscht. Schillings muss etwas wie Respekt vor der Instinktsicherheit und Schönheit des jagenden Löwen gespürt haben. Die wilden Tiere "machen Selbstporträts von sich", schrieb er über seine Bilder.

Technische Niederlagen, Unfälle und die Strapazen solcher Reisen in die Wildnis konnten den überdies herzkranken Pionier nicht entmutigen. Er hat wohl auch geahnt, dass er einer großartigen, schon zu seiner Zeit aussterbenden Natur das Totenbilderbuch schrieb. Es war die Zeit, in der weiße Jäger wie schwarze Askaris die afrikanischen Elefanten in Massen hinschlachteten.

Schillings, der Jäger und Fotograf, hat das Wiener und das Berliner Naturkundemuseum mit zahlreichen Häuten und Präparaten beliefert. Sein Blitz aber, der erstmals die Nacht des Dschungels erhellte und zudem die Verwandtschaft von Waffe und Bild, wurde in Berlin-Friedenau gebaut, in der Goertzschen Optischen Anstalt.

Wolfgang Büscher

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